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Einführung in die Grundlagen des Islam

Die terroristischen Anschläge vom 11. September 2001 haben in den USA wie auch in der Bundesrepublik Deutschland zu einer plötzlichen öffentlichen Aufmerksamkeit für die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Welt geführt: Den Islam. Leider war diese Aufmerksamkeit nicht immer von Wissen, Verständnis und rationaler Bewertung geprägt, vor allem die Medien haben für eine gewisse Zeit das Bild des islamistischen Terroristen mit "dem" Islam - gewollt oder ungewollt - gleich gesetzt. Ausländerfeindliche Übergriffe auf "arabisch" aussehende Mitbürger in Deutschland waren aufgrund der öffentlichen Stimmungslage die ebenso logische wie bedauerliche Konsequenz. Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländer Moslems sind, kommt man jedoch um eine intensivere Beschäftigung mit dieser politisch wie sozial weltweit wichtigen Religionsgemeinschaft nicht herum. Wer im Bereich der Migrationsarbeit tätig ist, muss sich im Rahmen der Pflege seiner interkulturellen Kompetenz mit der Geschichte, den grundlegenden Charakteristika und der Vielfalt dieser Weltreligion auseinander setzen, um ein zu verengtes und von einseitigen Stereotypen geprägtes Bild zu vermeiden. Dieser Beitrag soll all jenen, die aus verschiedenen Gründen eine intensivere Beschäftigung mit dem Islam bisher nicht durchgeführt haben, eine erste Grundlage mit allgemeinen Informationen und Hinweisen geben.

Historische Entwicklung des Islam und seine Verbreitung

Der Islam - arabisch für "Hingabe", "Ergebung" - beginnt als eigenständige Religion im Lebensalter ihres Stifters, des Propheten Mohammed (ca. 570-632 n. Chr.). Der Ausgangspunkt liegt in den prophetischen Botschaften, die dieser etwa ab seinem vierzigsten Lebensjahr erhielt und die er in der arabischen Handelsmetropole Mekka der Allgemeinheit verkündet. Seine Lehren wurden von den Herrschern Mekkas als Bedrohung der althergebrachten Ordnung angesehen, was ihn im Jahr 622 n. Chr. zur Flucht in das spätere Medina (von "madînat an-nabî", "Stadt des Propheten") veranlasst hat. Dies ist gleichzeitig der Beginn der islamischen Zeitrechnung, die dementsprechend im christlichen Jahr 2001 das Jahr 1422 schreibt.

In Medina zu einer politischen Größe aufgestiegen, eroberte er 630 an der Spitze eines Heeres Mekka und konnte in den zwei Jahren bist zu seinem Tod die ganze arabische Halbinsel unter sich vereinigen. Als er ohne männliche Nachkommen starb, wurde der Vater von Mohammeds zweiter Frau Aischa, Abû Bakr, zum Kalifen (arab. "chalifa", "Nachfolger") gewählt. Er und seine drei Nachfolger (die von den Sunniten als "rechtgeleitete Kalifen" bezeichnet werden) konnten innerhalb von weniger als zehn Jahren ein Gebiet vom Indus bis zum Atlantik unter der Fahne des Islam vereinigen.

Recht früh kommt es zur Spaltung des Islam in mehrere Richtungen. Die Spaltung hat ihre Ursache in der Uneinigkeit der Moslems, wer als rechtmäßiger Nachfolger Mohammeds zu bezeichnen sei. Die Sunniten vertreten die Auffassung, dass die vier rechtgeleiteten Kalifen die rechtmäßigen Nachfolger gewesen seien und legen fest, dass ein Kalif immer zum Stamm des Propheten zu gehören habe. Die Schiiten erkennen nur Alî, den vierten der rechtgeleiteten Kalifen und Vetter wie Schwiegersohn Mohammeds, als rechtmäßigen ersten Nachfolger des Propheten an. Für sie kann es immer nur einen Leiter der Gemeinde, Imâm genannt, geben, der sich über die Nachfolge Alîs legitimieren muss. Die Schiiten wiederum spalteten sich in weitere Untergruppen auf, die jeweils unterschiedliche Ansichten über die Nachfolge Alîs und die Existenz rechtmäßiger Imâme haben. Über 80 % der Moslems weltweit gehören der sunnitischen Glaubensrichtung an, einen schiitisch dominierten Staat gibt es aber beispielsweise im Iran.

In den folgenden Jahrhunderten breitete sich der Islam in Windeseile aus. Unter den Abbasiden wurde bis 1258 in einer ersten expansiven Phase ein umfassendes islamisches Reich errichtet, das später in einzelne Reiche auseinanderbrach. Die zweite Hochphase islamischer Ausbreitung in Verbindung mit imperialer Macht erfolgte durch die Bildung des Osmanischen Reiches (ca. 1300 bis 1922), dessen ethnische Basis nicht länger die arabischen Volksgruppen, sondern die Turkvölker waren.

Über die aktuelle Anzahl und Verbreitung dieser Weltreligion gibt es unterschiedliche Angaben. Folgende Zahlen mögen einen Anhaltspunkt bieten, ohne Anspruch auf die exakte Abbildung der realen Verhältnisse zu geben:

Land Anzahl
Indonesien ca. 163 Mio.
Pakistan ca. 115 Mio. (Staatsreligion)
Bangladesh ca. 98 Mio. (Staatsreligion)
Indien ca. 97 Mio.
Iran ca. 59 Mio. (Staatsreligion)
Türkei ca. 59 Mio.
Nigeria ca. 46 Mio.
Algerien ca. 26 Mio. (Staatsreligion)
Marokko ca. 26 Mio. (Staatsreligion)
Afghanistan ca. 22 Mio. (Staatsreligion)
Äthiopien ca. 22 Mio.
VR China ca. 20 Mio.
Usbekistan ca. 20 Mio.
Sudan ca. 20 Mio. (Staatsreligion)
Irak ca. 18 Mio. (Staatsreligion)
Saudi Arabien ca. 16 Mio. (Staatsreligion)
Deutschland ca. 3 Mio.

Asien ca. 640 Mio.
Afrika ca. 280 Mio.
ehem. Sowjetunion ca. 40 Mio.
Europa ca. 13 Mio.
Nordamerika ca. 3 Mio.

Lateinamerika ca. 1 Mio.
Weltweit ca. 1-1,3 Mrd.

Neben den aufgeführten Staaten ist der Islam heute ebenfalls als Staatsreligion in Brunei, dem Jemen, Qatar, Kuwait, Libyen, Malaysia, den Malediven, Mauretanien, Oman, Somalia und Tunesien etabliert.

Kalligraphie: Galeere des Glaubens. In arabischer Schrift: Segel: "Es gibt keinen Gott außer Allah und Muhammad ist sein Prophet"

Glaubensgrundsätze des Islam

Die wichtigste Grundlage des Islam ist der Koran (arab. "qur'an": Rezitation). Dabei handelt es sich nach islamischer Auffassung um das unverfälschte Wort Gottes, das durch das "Siegel der Propheten", Mohammed, der Menschheit verkündet wurde. Mit dem Begriff "Siegel" ist gemeint, dass die durch Mohammed verbreitete Botschaft die abschließende, letztgültige ist, sozusagen das Siegel auf allen Prophetien, die es vorher gegeben hat. Der Islam erkennt auch die Propheten der jüdisch-christlichen Tradition in vollem Umfang an: Abraham, Jesus und andere haben einen wichtigen Platz in der Offenbarung des Islam. Gesagt wird jedoch, dass deren Botschaften durch die Menschen verfälscht oder falsch interpretiert worden sind, ein Problem, das durch die Verkündung Mohammeds gelöst wurde. Die "Schriftbesitzer", also Juden und Christen, die ebenfalls über durch den Islam anerkannte Offenbarungsbücher verfügen, genießen im Islam einen speziellen Status, der ihnen - im Koran verbrieft - durch Zahlung einer Sondersteuer zumindest theoretisch die Ausübung ihrer eigenen Religion auch als Minderheit in einem islamischen Staat erlaubt. Dieser Sonderstatus wurde im Zuge der islamischen Staatenbildungen auch auf andere wichtige Religionen ausgeweitet, die aber nicht über Offenbarungsbücher verfügten, wie beispielweise die Hindus in einigen islamischen Sultanaten des vorkolonialen Indien.

Der Koran ist für den Moslem zunächst oberste Richtschnur für alles Handeln, dient ihm aber auch zur Belehrung und Erbauung. In ihm enthalten sind auch die fünf zentralen Pflichten moslemischer Religionsausübung, die sog. "Fünf Säulen des Islam" :

1. Das Glaubensbekenntnis. Jeder, der öffentlich bekennt "Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott und Mohammed ist der Gesandte Gottes" nimmt damit den Islam an.

2. Das Pflichtgebet ("salât") ist die stärkste formende Kraft. Es wird fünfmal am Tag verrichtet und erfolgt entlang eines streng reglementierten Rituals. Zentraler Bestandteil ist die Verneigung in Richtung Mekka. Interessant ist in diesem Kontext, dass die Verneigung nach Mekka erst später von Mohammed eingeführt worden war, als deutlich wurde, dass Christen und Juden ihn nicht als ihren Propheten anerkennen wollten. Bis dahin hatten sich die Anhänger Mohammeds in Richtung Jerusalem verbeugt.

3. Die dritte Säule ist die Almosensteuer ("zakât"), also die Verpflichtung, den eigenen materiellen Besitz mit den Armen zu teilen. Da es sich um eine Verpflichtung handelt, dem das Vermögen zu einem festgelegten Prozentsatz unterliegt, ist es zum einen die Grundlage für viele Sozialabgaben in islamisch geprägten Staaten, zum anderen von den freiwilligen Almosen ("sadaqa") zu unterscheiden, die der fromme Moslem darüber hinaus geben kann.

4. Die vierte Säule bezieht sich auf die Pflichten des Fastenmonats Ramadan. Das rituelle Fasten ("saum") gilt für alle volljährigen und gesunden Moslems und umfasst neben dem Verbot der Nahrungsaufnahme von Sonnenaufgang bis -untergang auch das Verbot jeglicher sexueller Betätigung sowie böser Gedanken, Taten, Lügen und Streitigkeiten. Befreit von dieser Pflicht sind Alte, Kranke, Kinder, Schwangere und Stillende, Reisende, Schwerarbeiter und menstruierende Frauen.

5. Die letzte Säule ist die Wallfahrt nach Mekka, der "Hajj". Zumindest einmal im Leben muss ein Moslem die Fahrt nach Mekka zum Besuch der "Kaaba", des heiligen Steins, vollzogen haben. Unterschieden wird zwischen der kleinen Wallfahrt, die jederzeit individuell durchgeführt werden kann, und der großen, die im letzten Monat des islamischen Kalenders in der Gemeinschaft der Glaubensbrüder angetreten werden muss. In vielen islamisch geprägten Ländern werden Moslems, die den "Hajj" vollzogen haben, mit der Ehrenbezeichnung "Alhaji" (bei Männern) oder "Alhaja" (bei Frauen) angesprochen.

Neben dem Koran gibt es weitere wichtige Quellen mit Handungsanleitungen für den Gläubigen:

Die Hadîth, d.h. Überlieferungen über Handlungen und Aussprüche des Propheten, bei denen es aber im Gegensatz zum Koran keine allgemein akzeptierte Festlegung darüber gibt, welche "Hadîth" echt sind und welche nicht. Dies hat im sunnitischen Islam zur Etablierung von vier unterschiedlichen Rechtsschulen geführt, die jedoch trotz ihrer Differenzen über die Echtheit diverser "Hadîth" sich gegenseitig als "rechtgläubig" anerkennen. Schiiten beschränken diese Tradition auf die Mitglieder der Familie des Propheten, die Alî unterstützt haben, sowie die Imâme. Wichtig ist in diesem Kontext die Tatsache, dass es im Islam keine zentrale Lehrautorität (wie etwa den Papst bei den Katholiken) gibt.

Die Sharia ist der Oberbegriff für das islamische Rechtssystem, wie es sich aus dem Koran sowie der Sunna, dem Vorbild der Handlungen des Propheten, ergibt. Die Sharia kann nur für Moslems gelten und betrifft Nicht-Moslems nur insofern, als diese den Moslem nicht an der Befolgung der Rechtsgrundsätze hindern dürfen. In der praktischen Umsetzung findet die Sharia in den verschiedenen Lebensbereichen der Moslems unterschiedliche Ausprägung: Von ihrer sehr restriktiven und rigorosen Durchsetzung in konservativen islamischen Staaten bis hin zur Betrachtung der Sharia als allgemeine Handlungsanleitung ohne staatlich durchsetzbaren Rechtsanspruch in liberaler eingestellten Ländern.

Innere Struktur des Islam

Neben dem bereits beschriebenen historischen Schisma der Moslems in Sunniten und Schiiten hat sich der Islam im Verlaufe der Jahrhunderte, in denen er seinen Status als umfassende Weltreligion entwickelte, immer weiter ausstrukturiert, was zu zahlreichen Untergruppen , Abspaltungen und Sektenbildungen führte. Manche dieser Untergruppen sind auch für die Realität der Moslems in Deutschland relevant, daher soll hier ein knapper Überblick gegeben werden:

Die Schiiten selbst unterteilen sich in Zwölfer-, Fünfer- und Siebener-Schiiten. Die größte Gruppe sind die Zwölfer-Schiiten oder Imamiten, die 12 Imame (Nachfolger Alîs, des vierten der rechtgeleiteten Kalifen) als rechtmäßig anerkennen. Die Zwölfer-Schiiten verfügen über ein eigenes, hochkomplexes Rechtssystem, dessen Grundzüge dem 6. Imam zugeschrieben werden. Die Zaiditen oder Fünfer-Schiiten halten den Sohn des 4. Imam, Zaid, für den letzten rechtmäßigen Imam. Die Zaiditen gelten gemeinhin als gemäßigte und den Sunniten gegenüber weitgehend tolerante Schiiten. Die Siebener-Schiiten schließlich, auch Ismaeliten genannt, sehen als letzten rechtmäßigen Imam den Sohn des 6. Imam, Ismâ'il, an. Die Ismaeliten sind gemeinhin für die Einarbeitung vieler Vorstellungen aus Astrologie sowie der neuplatonischen Philosophie bekannt, was ihnen den Ruf als "geheimnisvollste" Richtung innerhalb der Schi'a einbrachte. In Deutschland wie weltweit sind die Ismaeliten vor allem durch die oft weit publizierte philantropische Arbeit ihres Imâm, des Aga Khan, bekannt, eine Popularität, die es oftmals bis in die Kolumnen der Boulevardpresse schafft.

Zu den weiteren Untergruppen des Islam gehören die Aleviten , die sich etwa im 13. Jahrhundert im heutigen Anatolien bildeten und gemeinhin den Schiiten zugeschlagen werden, für sich jedoch eine eigene Glaubensidentität reklamieren. Diese vor allem unter den Türken weit verbreitete Gruppierung wird in der Türkei bis heute nicht offiziell anerkannt. Ein großer Teil - Schätzungen sagen bis zu 30 % - der in Deutschland lebenden Türken gelten als Aleviten.

Der aus dem Islam entstandene und zum Teil das gemeinsame Glaubensgebäude bereits verlassene Sufismus entstand als mystische Bewegung aus den ersten asketischen Gemeinden frommer Moslems im Verlaufe des 8. Jahrhunderts. Sie bilden Orden und Bruderschaften, von denen es nach aktuellen Schätzungen heute noch rund 70 gibt. Über weite Teile der islamischen Staatsgeschichte übten Sufi-Orden auch beträchtlichen politischen Einfluss aus. In seiner Hochzeit war er vor allem aufgrund seiner blühenden Dichtkunst über die Grenzen des islamischen Einflussgebietes hinaus bekannt.

Ebenfalls aus dem Islam entstanden ist die auch in Deutschland sehr aktive Baha'i-Religion, die sich auf den sich selbst als Propheten bezeichnenden Mirza Ali Muhammad beruft, der die Gemeinschaft im Jahre 1844 ins Leben rief. Gedacht als innerislamische Reformbewegung lösten sich die Baha'i schließlich immer mehr vom Islam und betrachten ihren Glauben als Weltreligion, die alle anderen früheren Religionen in sich aufgenommen hat. Die Gemeinschaft hat ihren Hauptsitz in Haifa und zählt weltweit mittlerweile rund fünf Millionen Anhänger. Sie ist in einigen islamischen Ländern, wie etwa dem Iran, verboten.

Andere ehemals wichtige Gruppen sind heute weitgehend irrelevant. Von historischem Interesse sind die um 1094 in Ägypten gegründeten Assasinen, die durch ihre Terroranschläge und Attentate bekannt geworden sind. Dies führte zur Gleichsetzung des Begriffes "Assasin" mit "Mörder" in mehreren europäischen Sprachen. Eine dritte große Gruppe neben den Sunniten und Schiiten waren über Jahrhunderte die Charidschiten, ursprünglich ebenfalls Gefolgsleute Alîs. Im Verlaufe der internen Religionskriege wurde ein Großteil der Charidschiten Opfer von Verfolgungen, einzige Nachfahren von Bedeutung sind die in Tunesien und Algerien beheimateten Ibaditen.

Der Islam in Deutschland

In Deutschland leben derzeit - je nach Schätzung - zwischen 2,5 und drei Millionen Moslems. Diese untergliedern sich in verschiedene Gruppen, die zumeist nach ihrer Herkunft definiert werden. Den größten Teil machen die rund zwei Millionen Türken aus, von denen wiederum zwischen 200.000 und 400.000 Aleviten sind. Weitere große Gruppen sind die noch in Deutschland verbliebenen moslemischen Flüchtlinge aus den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien sowie eine große Anzahl von Moslems aus Nordafrika, vornehmlich Tunesien und Marokko. Über die Zahlen deutscher Moslems besteht keine Einigkeit, nicht zuletzt aufgrund des Abgrenzungsproblems. Viele Moslems deutscher Staatsangehörigkeit werden gerne noch entlang des Unterscheidungskriteriums der ethnischen Herkunft differenziert. Was Konvertiten vom Christentum zum Islam in der "eigentlichen" deutschen Bevölkerung anbetrifft, so schwanken die Schätzungen erheblich, es werden gemeinhin Zahlen von bis zu 100.000 Personen genannt. Insgesamt rund die Hälfte der in Deutschland lebenden Moslems praktizieren ihre Religion auch.

Über die augenblickliche Debatte um die Rolle des Islam in Deutschland wird gerne vergessen, dass die Geschichte des Islam im deutschen Sprachraum weit vor der großen Einwanderung türkischer oder nordafrikanischer Gastarbeiter seit Mitte der 60er Jahre begonnen hat. Seit 1745 diente eine große Einheit moslemischer Reiterei in der preußischen Armee. Die Soldaten und ihre Familien erhielten das Recht auf freie Religionsausübung, in der Heeresrolle des "Bosniakenkorps" von 1760 taucht erstmals ein preußischer Heeres-Imâm als Militärgeistlicher auf. Die militärische Tradition endete erst im Jahre 1919 mit dem Ende des Kaiserreiches. In den 20er Jahren lebten vor allem im Großraum Berlin Moslems aus vielen verschiedenen Nationen, die 1922 die "Islamische Gemeinde Berlin" gründeten und in Wunsdorf eine Moschee unterhielten. 1932 gründete sich eine deutsche Sektion des Islamischen Weltkongresses in Berlin, mit dem "Islam-Kolloquium" wurde von dieser die erste moslemische Bildungseinrichtung etabliert. Das Hitler-Regime und der II. Weltkrieg reduzierte die Anzahl der Moslems in Deutschland sehr, viele wanderten ins islamische Ausland ab. Zur Revitalisierung islamischen Lebens kam es dann erst mit der Einwanderung der Gastarbeiter.

Der Islam ist in Deutschland nicht einheitlich organisiert, was über Phasen zu erheblichen Spannungen miteinander konkurrierender Organisationen geführt hat. Mit dem " Zentralrat der Moslems in Deutschland " ist ein relativ großer, locker organisierter Interessenverband aktiv, dem jedoch nicht alle islamischen Organisationen angehören. Mit rund 740 lokalen Vereinen ist die in den 80er Jahren gegründete Türkisch-Islamische Union die größte Einzelorganisation in Deutschland, sie wird weitgehend von der türkischen Regierung unterstützt. Nach unterschiedlichen Angaben gibt es bereits bis zu 26 Moscheen sowie mehrere Tausend Gebetshäuser in Deutschland, viele davon jedoch noch in bescheidenen räumlichen Verhältnissen. Dies führt unter anderem dazu, dass immer wieder auch christliche Kirchengemeinden Räume für die Religionsausübung moslemischer Mitbürger zur Verfügung stellen. In Dortmund, Siegen und Oldenburg ist der öffentliche Ruf des Muezzin zum Gebet offiziell genehmigt.

In der Frage der "formellen Anerkennung" der islamischen Religionsgemeinschaft durch die deutschen Behörden scheint es keine Einigkeit zu geben. Ein Teil der Moslems befürwortet Bemühungen, den Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkennen zu lassen, um in den Genuss der damit verbundenen Privilegien zu kommen, wie diese zum Beispiel auch den christlichen Kirchen zustehen (bspw. Einzug des "zakât" in Form einer islamischen Kirchensteuer durch den Staat). Da die Praxis des deutschen Staates im Umgang mit einer islamischen Religionskörperschaft aller Wahrscheinlichkeit immer von einer Kirchenstruktur ausgehen wird, die in der Lage ist, die zahlreichen Verfahrensvorschriften und Organisationsstrukturen des Körperschaftsrechts adäquat umzusetzen, sind andere Moslems der Ansicht, dass dies dem Wesen des Islam als Religion ohne vorherbestimmte Machtstrukturen entgegenstehen würde und man lieber auf Selbstorganisation setzen solle. Der Widerstreit zwischen konservativem Islam und einem "säkularisierten" Reform-Islam findet sich in dieser Kontroverse auch häufiger wieder.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Islam in Deutschland immer noch der Gefahr von Stereotypen und Vorurteilen ausgesetzt. Die gesellschaftliche Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September mit einer Häufung von ausländerfeindlichen Übergriffen jeglicher Art auf Moslems oder solche, "die so aussahen", mag dafür als Indiz gelten. Die Heterogenität dieser Glaubensgemeinschaft und die Komplexität ihrer zahlreichen Traditionen werden im Regelfalle nicht öffentlich wahrgenommen. Das höchst unterschiedliche Auftreten der Vielzahl islamischer Organisationen mag dazu ebenfalls beigetragen haben.

Fundamentalismus im Islam

Der islamische "Fundamentalismus" ist in letzter Zeit wieder verstärkt in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gerückt. Bereits nach dem Ende des Kalten Krieges schien es eine Weile so, als solle dieser als neues Feindbild nach dem Zusammenbruch des real existierenden Kommunismus herhalten. Der Begriff "Fundamentalismus" stammt jedoch eigentlich aus der US-amerikanischen Kirchengeschichte und bezieht sich auf jene Protestanten, die von der Unfehlbarkeit der wörtlichen Bedeutung der Bibel überzeugt missionarisch tätig wurden und unter anderem gegen die Anerkennung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, etwa die Evolutionstheorie, agitierten. Erst in den 70er Jahren wurde dieser Begriff im wissenschaftlichen Diskurs auf den Islam übertragen. Die Bezeichnung "islamischer Fundamentalismus" ist somit eine Fremdbezeichnung, d.h. eine Definition durch Nicht-Moslems, die im Regelfalle einen abwertenden Charakter hat. Anhänger der verschiedenen Richtungen des Islam, die diesem Fundamentalismus zugeordnet werden, nennen sich selbst vorwiegend "Islamisten" ("Islamiyun"), eine Bezeichnung, die sich nunmehr auch generell langsam durchzusetzen scheint. Darüber hinaus werden Begriffe wie "Extremisten", "Terroristen" und "Radikale" verwendet. Der Zentralrat der Moslems in Deutschland hält die Bezeichnung "extremistische Moslems" für am treffendsten, da die umgekehrten Begriffe "moslemische oder islamische Extremisten" nicht passen würden, weil "die Religion den Extremismus ja nicht auferlegt".

Islamisten lassen sich dadurch kennzeichnen, dass sie jede Form der textkritischen Betrachtung des Koran kategorisch ablehnen. Gemeinhin wird der Vorrang des Gemeinwohls und des öffentlichen Interesses vor den Bedürfnissen des Individuums betont. Auf dieser Basis sind viele islamistische Organisationen sehr am Aufbau sozialer Leistungen interessiert, wie beispielweise in den palästinensischen Gebieten in Israel erkennbar ist, in denen es eine Vielzahl von sozialen Netzwerken und Selbsthilfeorganisationen diesen Ursprungs gibt. Interessanterweise ist die Haltung des Islamismus zu moderner Technik und den Erkenntnissen der Naturwissenschaft ganz anders als die christlicher Fundamentalisten: Ihm ist an einem raschen und umfassenden Transfer von Know-how gelegen. Islamisten, so könnte man sagen, sind durch einen "selektiven Umgang mit der Moderne" gekennzeichnet. Der sich selbst als Reformbewegung verstehende Islamismus will sein Ziel nicht durch die Trennung von Religion und Staat erreichen, wie es liberale Reform-Moslems fordern, sondern durch die Säuberung der Religion von ungutem Traditionalismus wie Autoritätsgläubigkeit, Fatalismus und Volksfrömmigkeit, die als Momente der Erstarrung angesehen werden. Aus diesem Grunde wenden sich viele islamistische Organisationen gegen westliche wie orthodoxe islamische Staaten gleichermaßen. Reform ist für den Islamismus, so die Islam-Wissenschaftlerin Angelika Hartmann , der Rückgriff auf das Ideal der islamischen Gesellschaft unter selektivem Einbezug von Elementen der Gegenwart.

Der Islamismus ist selbst, wie die Religion des Islam an sich, in viele Gruppierungen und Richtungen gespalten und speist sich aus unterschiedlichen Quellen. Seine Militanz und seine Bereitschaft, das eigene Leben unter die Idee der "Sache" zu stellen, macht ihn mit anderen Fanatismen vergleichbar und ist Ursache für die Gefahren, die von ihm ausgehen und die in terroristischen Anschlägen gipfeln können.

Der Islamismus ist jedoch nicht der Islam. Er gehört sicher zu ihm, genauso wie leider radikale Verfechter eines als "rein" angesehenen Glaubensgebäudes zu fast jeder sinnstiftenden religiösen Überzeugung zu gehören scheinen. Die Einbettung der Mehrzahl der Moslems in Gesellschaften, die durch ökonomische und soziale Probleme gekennzeichnet sind, führt zudem oft zu Radikalisierungen, die aus konkreten Notlagen geboren sind. Die leichtfertige Gleichsetzung aller Moslems mit potentiellen Terroristen, wie sie in der Medienberichterstattung bisweilen unterschwellig transportiert wird, ist jedoch mindestens ebenso gefährlich, da sie gesellschaftliche Abwehrreaktionen gegen Menschen provoziert, die mit dem von ihren extremistischen Glaubensgenossen angezettelten Leid nicht zu tun haben und nichts zu tun haben wollen.

Autor: Dirk van den Boom

"Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors aus dem
Magazin des Internet-Fernlehrgangs AHOI ( http://www.ahoi-home.de )
entnommen."


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